Datenschutzwissen

Biometrische KI-Gesichtserkennung in Echtzeit: Im Frankfurter Bahnhofsviertel wird eine neue Ära eingeleitet

1970 verabschiedete der hessische Landtag das weltweit erste Datenschutzgesetz. Hessen gilt damit als eigentliches Geburtsland des Datenschutzes. Seit Sommer 2025 scannen im Frankfurter Bahnhofsviertel KI-gestützte Kameras in Echtzeit Gesichter, um nach Terroristen und Vermissten zu fahnden. Ein Widerspruch zum eigenen Erbe? Dieser Beitrag zeigt, wie das Pilotprojekt rechtlich abgesichert ist, welche Kritik Opposition und Datenschützer äußern und welche Erfolge bislang gemeldet werden.

Gezielte Suche nach Terroristen und Vermissten

Die KI-Videoüberwachung in Frankfurt ist ein Pilotprojekt, auf das Sicherheitsexperten und Datenschützer aus ganz Deutschland schauen. Der hessische Innenminister Roman Poseck (CDU) sieht diesen Schritt als Meilenstein und beschwichtigt erregte Gemüter, indem er die Mainmetropole „ganz weit entfernt" von chinesischen Verhältnissen sieht. Vielmehr diene der Einsatz von KI dem Schutz von Menschenleben, etwa durch die Verhinderung terroristischer Anschläge.

Ermöglicht hatte die Überwachungsmaßnahme eine Novelle des hessischen Polizeirechts. Frankfurt ist nun ein Versuchslabor, ein Experimentierfeld in einem in Deutschland bislang unbekannten Terrain. Der KI-Einsatz in Verbindung mit Videoüberwachung bleibt eng umrissen und beschränkt sich auf das Bahnhofsviertel. Dort wurden 50 Kameras installiert. Künstliche Intelligenz bei der Gesichtserkennung kommt aber nur zum Einsatz, wenn fallbezogen ein richterlicher Beschluss vorliegt. Dann können bei der Suche nach terroristischen Gefährdern oder vermissten Personen rund 300.000 Gesichter täglich gescannt und überprüft werden. Der Abgleich erfolgt mit einer einschlägigen Fahndungsdatenbank, in der Verdächtige und Vermisste abgespeichert sind. Die Aufnahmen werden nach der KI-Auswertung sofort wieder gelöscht. Das Bahnhofsviertel gilt als Frankfurter Problembezirk mit hohen Kriminalitätsraten, unter anderem mit einem schwunghaften Drogenhandel.

Der Fall Daniela Klette

Mit der KI-Unterstützung können nun immense Datenmengen in kürzester Zeit überprüft werden. Sie dient nach Angaben des hessischen Innenministeriums der Erhöhung der Fahndungseffizienz bei der Personensuche. Man erinnere sich: Die 30 Jahre lang untergetauchte RAF-Terroristin Daniela Klette konnte 2024 von einem Journalisten mithilfe von Suchmaschinen und biometrischen Werkzeugen in privater Initiative aufgespürt werden. Für einen automatisierten Massenabgleich von im Internet zugänglichen Fotos wären der Polizei aufgrund der Datenschutzgesetze und der KI-Verordnung der EU die Hände gebunden gewesen.

Opposition reichte Klage ein

Während die Gewerkschaft der Polizei dieses Projekt für „notwendig" hält, hat die Fraktion der Grünen im hessischen Landtag vor dem Wiesbadener Staatsgerichtshof Klage eingereicht. Die KI-Videoüberwachung ist Teil eines Sicherheitspakets, das von der schwarz-roten Landesregierung auf den Weg gebracht wurde. Auch die FDP-Fraktion und der Chaos Computer Club meldeten Bedenken an. Niemand wisse, wo die rund um den Frankfurter Hauptbahnhof eingesammelten Daten landen würden. Suspekt ist Datenschützern und Kritikern an diesem Pilotprojekt auch die Nutzung der Polizeisoftware HessenDATA, hinter der das US-Unternehmen Palantir steht, das unter anderem auch US-Geheimdienste ausstattet. Hessen nutzt diese Software bereits seit 2017. Das hessische Innenministerium bestreitet vehement einen Datenabfluss: HessenDATA werde in einem geschlossenen System eingesetzt. Der hessische Datenschutzbeauftragte Alexander Roßnagel prüft zurzeit, ob die KI-Videoüberwachung in seinem Bundesland datenschutzkonform ist.

Straßenraubdelikte seither um 30 Prozent rückläufig

Die KI-unterstützte biometrische Echtzeit-Gesichtserkennung zeigt indes Erfolge. Im Oktober 2025 wurde eine 16-jährige Vermisste in einer akuten psychischen Ausnahmesituation aufgespürt, eine Premiere, handelte es sich doch um die deutschlandweit erste Fahndung dieser Art überhaupt. Solchen eher „kleinen Fällen" steht ein Rückgang der Zahl der Straßenraubdelikte im Bahnhofsviertel um 30 Prozent gegenüber. Bei diesen Straftaten stieg die Aufklärungsquote auf 46 Prozent. Die Polizei weist zudem darauf hin, dass die neue Videoüberwachung nicht nur bei der Aufklärung hilft, sondern später auch als Beweismittel vor Gericht dienen kann.

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